JET LEG – Biennale der Kunst und Kultur
1. Edition, Neapel 2021, 22. Mai – 18. Juni im Castel dell‘ Ovo
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Künstler*Innen

Claudia Barcheri / Schizzo
Gips, Pigment, Gewebe, verschiedene Größen

Zügig ausgebreitete, filigrane Substanzen tasten sich die Wände hoch – porös, aber doch widerständig, skulpturale Skizzen – lebendige Raumechos, die der draußen wogenden, verheißungsvoll schimmernden Wasseroberfläche in all ihren Farben bildenden Formen antworten. Ihre blanken und feingliedrigen Texturen nehmen Raum und Zeit in sich auf, zerbrechen fast daran, halten die Krümmungen fest und werfen sie in ihrer Bewegung an die Wand: Unter Resilienz versteht man die Kraft, sich trotz widriger Umstände konstruktiv zu entwickeln. Als hätte jemand den Stöpsel gezogen und auf Stopp gedrückt.







Danilo Bastione, Bradisismo
Absturzsicherungsnetz, Rohre, Führungen aus verzinktem Eisen, Kabelbinder, verschiedene Größen

Keine Garantien, keine vorgefertigten Pläne, sondern dichte Beschreibungen sich aktualisierender Ambivalenzen, die Gemeinschaften und Identitäten bilden und herkömmliche Logiken der Repräsentation auflösen. Ein grobmaschiger Refrain, eine gefährliche Klasse, die sich nicht mehr rumkommandieren lassen will. Die rohe Ungeschliffenheit der Skulptur zeichnet die Spuren der sie modellierenden Prozesse nach und macht so ihre performativen Dimensionen sichtbar. Als abstraktes Moment fokussiert die Arbeit das ästhetische Potenzial plastischer Materialien und verhandelt die Möglichkeiten der Bildhauerei.




Barbara Herold / AL
AR-intervention, Video

Entkoppelte Maschinenphantasien schweifen aus, steuern durch Mercato, Porto, Parco, Plebiscito und Castello – rekonstruierte und animierte Elemente von Aldo Loris Rossis Casa Portuale und Piazza Grande in Napoli, unendlich neugierig tasten sie sich durch die Stadt und erforschen den urbanen Raum. Eine Maschine setzt sich in Gang und Architektur in Bewegung, wie eine Schiffschraube treibt sie durch städtische Szenerien, verweilt nicht nur hier und da auf der Oberfläche, sondern interagiert mit und reagiert auf ihre Umgebung, durchdringt sie, schreibt sich ins Straßenbild ein, appelliert an unsere Vorstellungskraft und macht zeitgeschichtliche Lebenslandschaften und -systeme sichtbar: Virtuelle und physische Welten prallen aufeinander, verflechten analoge und digitale Substanzen, treten in Dialog, weiten unseren Horizont – aufwallende Zusammenspiele von Raumbildern und Bildräumen, die eigene Bühnen bilden.








Florian Huth / Belong anywhere
Found Objects, dimensioni variabili

Es ist alles schon da, man muss es nur sehen. Belong anywhere, der Slogan des Unternehmens AIRBnB – wie weit wollen wir gehen?
Die künstlerische Strategie der Appropriation/des Fake ermöglicht eine Kritik der Institutionen der Kunst sowie ihrer Ideologie des Originals und entlarvt dabei auch die gewandelten kontextuellen und konzeptuellen Bedingungen der Reproduktion. Durch den Akt der Aneignung unterläuft die Arbeit fundamentale Kategorien wie das Kriterium der Originalität und bricht mit den konventionellen Denkstrukturen des Kunstsystems.




Federico Delfrati / Of burning and shining, 2021
Fotografien, verschiedene Größen

Eine flüchtige Interpretation formuliert mögliche Welten, lotet die Grenzen unser Wahrnehmung aus, verkörpert den Übergang zwischen potenziellen und realen Gefahren, rahmt sie ein, überspringt die Wirklichkeit und bildet den konstanten Fluss natürlicher und kultureller Muster nach, die unser individuelles und kollektives Sozialleben formen. Auf der Suche nach angemessenen formalen Übersetzungen dieser komplexen Gefüge und dem „Big Picture” werden lokale Geographien zu experimentellen Umgebungen, die aus ihren Koordinaten heraustreten. Die anthroprozentrische Perspektive des Springers wird zum Anker- und Fluchtpunkt, eine feine Beobachtung zum Kommentar menschlicher Identität, zur Hinterfragung ihrer Geschichte und Reflexion unserer Rolle innerhalb der Natur. Bis hier her lief’s noch ganz gut, aber was zählt ist nicht der Fall, sondern die Landung. Alles andere als ein Kinderspiel.




Martin Fengel / I love Napoli
Postkarten, 14,8 X 10,5cm

“Das ist kein Geheimnis, aber ich glaube, so arbeite ich. Ich bin immer neugierig und versuche, nicht mehr zu tun, als möglich ist, was ist.”
Martin Fengel durchläuft seine künstlerische Forschung mit Ironie. Der gelernte Fotograf - aber auch Illustrator für Kolumnen in deutschen Magazinen und Filmemacher von Musikvideos - stellt die Stadt mit einem Ansatz vor, der auf ein anderes Verständnis von ihr abzielt und diesen Kontakt in seiner Sprache visuell vermittelt.








Olaf Metzel / Maradona
Aluminium, Digitaldruck, Stahl, 90x60x30 cm

Si yo fuera Maradona / viviría como él / nunca m equivocaría / si yo fuera Maradona / frente a cualquier portería perdido en cualquier lugar

Olaf Metzel ist einer der bedeutendsten deutschen Bildhauer der Gegenwart. Seine Arbeiten beziehen sich immer nicht nur auf die physische und architektonische Umgebung, sondern auch auf den ideologischen und diskursiven Raum. Bekannt geworden ist der Künstler durch seine Rauminstallationen und skulpturalen Interventionen, die mit aktuellen politischen und sozialen Anspielungen im öffentlichen Raum für Aufsehen sorgen, aber auch durch seine Zeichnungen und kraftvollen Reliefs, die er im Siebdruckverfahren auf dünne Bleche druckt: Er biegt, krümmt und verformt die Bilder, die auf beiden Seiten der Aluminiumbleche reproduziert werden, und erzeugt so die irritierende Illusion, es mit zerknitterten Papierblättern zu tun zu haben.




Benedetto Piscitelli
Wippe
Holz aus dem Meer
4 x 1 m

So wie Fotos einen Moment einrahmen, bewahren Materialien die Erinnerung an die Vergangenheit in ihrem Zustand. Seine Arbeit beginnt mit der Suche nach Holz, das das Meer nach jahrzehntelanger Reise zurückgibt. Was vor Jahren ein Boot war, wird zu einem Möbelstück, einem Tisch oder einem Stuhl. Das Sammeln und Lagern des Rohmaterials, das Entfernen rostiger Nägel aus den Holzplanken, das Abschleifen von Meeresverkrustungen, um die Oberflächen wieder benutzbar zu machen, das Zusammenkleben der verschiedenen Teile, um die unterschiedlichen Maserungen zu glätten - es ist eine Übung im Zeitmanagement, die er lernen musste.








->->->-> Collaterali

Raquel Ro, Loinggpres_ Escritura del deserto





Noem Held, Felix Flemmer, o.T.

Bastione/Delfrati, Sonata per Tufo
Tuffstein, Kontaktmikrofone.
Performance 40 min.

Die beiden italienischen Künstler verbinden den Brutalismus des Lärms mit der Poesie der Romantik.
In den Räumen des im Tuffstein errichteten Gefängnisses Castel dll’Ovo bieten Delfrati und Bastione staubige Noten in einer dynamischen Struktur aus Lichtern und Formen, die eine avantgardistische Atmosphäre schaffen und mit dem Mythos des Isolotto Megaride spielen, auf dem das Schloss steht.
Der Tuffstein, der am Ende der Sonate zerstört wird, wird als Instrument verwendet. Als ein Opfer, dessen Aufopferung die Flucht aus diesen alten Mauern ermöglicht.

Text: Constanze Metzel
Fotos: Florian Huth, Danilo Bastione